#20 好客

#20 好客

好客 = Hàokè = Gastfreundschaft

Kurz vor den letzten Klausuren plante ich einen Ausflug nach Alishan ein. Alishan ist ein Berg (Ali = heilig, Shan=Berg) undauch gleichzeitig der Ortsname sowie der Name des Nationalparks – abgesehen von viel Tee gibt es hier zahlreiche Wanderwege und Aussichtspunkte. Bekannt ist Alishan vor allem für seine Sonnenauf- und untergänge welche zahlreiche Touristen anlocken. Mein Anreisetag war vollgepackt mit tollen Ausblicken und Landschaften, das Wetter war wechselhaft, aber sollte sich für die kommenden Tage bessern. Nach knappen 4 Stunden Scooterfahrt bin ich bei meiner Unterkunft angekommen, habe erstmal mein Zimmer bezogen (statt gebuchtem Schlafsaal bekam ich ein eigenes Zimmer… juhu!) und danach machte ich mich auf den Weg zur Recreation Area Alishan (das ist quasi das Zentrum mit Besucherinformation und Shops, sowie sämtlichen Attraktionen wie Mammutbäumen und der Alishan-Bahn).

Um den Sonnenaufgang von dem berühmten Sunrise-Viewpoint aus zu sehen muss man den Zug nehmen. Die Alishan-Bahn ist eine Adhäsionsbahn – sie schlängelt sich vom Tal bei 30 Höhemetern bis hinauf auf 2274m. Seit einem Erdrutsch vor einigen Jahren ist jedoch ein Teil der Schienen zerstört worden und die Bahn kann nicht mehr durchgehend geführt werden – aber am Gipfel ist sie in Betrieb und bringt die Besucher zu den verschiedenen Arealen.
Um ein Ticket für die Bahn zu ergattern musste man sich am Tag zuvor ein selbiges holen – gesagt, getan. Das würde also eine kurze Nacht werden…

Generell kann man die Gegend im Nationalpark als sehr abwechslungsreich betrachten… zwischen den Gipfeln hängen eigentlich immer Wolken, das Wetter wechselt schnell und die insgesamt 4 Vegetationszonen sorgen für ganz unterschiedliche Eindrücke. Außerdem ist die Gegend bekannt für den weltbesten Oolong-Tee, man sieht zahlreiche Plantagen am Weg hinauf zum Gipfel.

Nach kurzem Gegend-inspizieren fuhr ich wieder zurück zur Unterkunft. Dass ich anstatt knapp 50 Minuten über 2 Stunden gebraucht habe lag daran, dass es so neblig war, dass ich teilweise mit 15-20km/h gefahren bin. Dazu gesellte sich zwischenzeitlich auch Starkregen, was das Ganze noch spannender machte. Ich war heilfroh mir eine leuchtend-pinke Regenjacke gekauft zu haben, die mich vor dem größten Nasswerden geschützt hat und mich ein wenig sichtbarer für die anderen Leidensgenossen machte. 5-10 Meter Sicht ist auf Bergstraßen wahrlich kein Spaß. Als ich endlich den 7-11 wenige Kilometer vor meinem B&B erreicht hatte, holte ich mir noch eine Instant-Nudelsuppe und Schokolade (Wohlfühlessen oder so ähnlich…) und dann war ich nur mehr froh, daheim unter die warme Dusche hüpfen zu können (Temperaturtechnisch hatten wir zwischen 12-16 Grad). Kurz vor 20 Uhr klopfte es noch an der Tür – der Inhaber wollte wissen wann ich morgen aufbreche… „Okay, weiß zwar nicht, warum du das wissen willst, aber…. Ich verrate es dir halt mal.“ waren so ungefähr meine Gedanken. Nachdem ich den Wecker auf 2.30 Uhr gestellt hatte, schlummerte ich dann völlig fertig ein.

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Ich kann euch sagen, 2.30 Uhr ist echt eine ungemütliche Zeit zum Aufstehen. Als ich die Treppen runter ging stellte ich erstaunt fest, dass der Inhaber wach war – und er machte mir Frühstück! Ein paar warme Baozi bevors raus in die dunkle Nacht für eine 50-Minütige Scooterfahrt ging…herrlich! Ein wenig Proviant gabs dann auch noch mit, und somit war ich wirklich bestens startklar.

Der Zug verließ die Station um 4.10, damit er pünktlich zur Dämmerung oben am Gipfel ist. Mit mir wollten rund 300 Leute ebenfalls dieses Spektakel erleben… hört sich schlimm an, ist aber okay denn: Kaum war die Sonne hinter den Berggipfeln hervorgekommen, gingen alle wieder zurück zum Zug, und nach 15 Minuten war der komplette Platz leer. Ich genoss noch 2 Becher heißen Tee während ich mir meine Route für den Tag zurechtlegte.

Der Sonnenaufgang selbst war wirklich schön, obwohl wir das berühmte Wolkenmeer nicht zu Gesicht bekommen haben – dieses sollte dann aber am Abend folgen.

Im Areal habe ich mir einen Aussichtspunkt angeschaut, sowie einen der Mammutbäume, rote Zypressen-Wälder und zahlreiche Tiere die sich in den Wäldern tummeln. Ich verbrachte gute 8 Stunden dort, bevor ich dann ziemlich müde zurück zum B&B fuhr. Am Weg dorthin wollte ich mir eigentlich ein gutes, lokales Essen gönnen – aber irgendwie hatte alles zu. Also wurde es wieder 7-11…. Man lernt Mikrowellenessen wirklich zu schätzen, wenn sonst nichts da ist.

Die Alishan-Bahn bei Tag

Die Alishan-Bahn bei Tag

Nach kurzem Ausruhen und Blick aus dem Fenster entschied ich mich dazu, auf einen nahegelegenen Hügel zu fahren um noch ein paar Fotos vom Sonnenuntergang zu machen. Leider war der Hügel in eine Wolke gehüllt, aber trotzdem boten sich danach wunderbare Szenen.

Als ich dann später nach dem Ort suchte ihn auf den Fotos zu taggen fiel mir plötzlich auf, dass dieser Ort genau der war, der auf einem Bild von Bing zu sehen war das ich monatelang als Desktop-Hintergrund in Verwendung hatte. Das war mal ein Zufall! :)

Am nächsten Tag erkundete ich die Landschaft rund um Fenqihu – das ist die letzte Station die die Alishan-Bahn derzeit anfährt, und von hier aus müssen die Leute dann in einen Bus umsteigen der sie zur Recreation Area bringt. Das Dorf ist voll mit Souvenirläden, Restaurants und kleinen Shops die Backwaren und Tee verkaufen – nach kurzem Spaziergang ging ich zurück zu meinem Scooter um zu einem Wasserfall zu fahren (den ich nie erreichen sollte). Eine Tankstelle, mit der ich fest gerechnet hatte, war leider zu und somit musste ich wenige Kilometer vor dem Ziel umdrehen… Aber ich bin eine wirklich spannende Bergstraße entlang gefahren die grandiose Aussichten auf die umliegenden Gipfel bot und durch zahlreiche Bambuswälder führte – der Weg ist das Ziel!

 

Auf halben Weg zurück merkte ich auch noch, dass das auch ein Ölwechsel nötig war… Komisch, vor 2 Wochen erst habe ich den Ölwechsel machen lassen und es hieß das werde nur alle 1000km fällig. Ich wiegte mich diesbzgl. in Sicherheit… aber naja, was muss, das muss. Ich kann euch verraten: am Berg an einem Samstag Abend jemanden zu finden der einem das Öl wechselt ist nicht so leicht (die Tankstelle verkaufte zwar Öl, aber wechselt es nicht, sämtliche Scootershops waren zu)… also klapperte ich Dorf für Dorf ab um irgendwo so etwas wie eine Werkstatt zu finden, und die Suche war dann schlussendlich auch erfolgreich – 5 Euro ärmer und um einen fahrbereiten Scooter reicher konnte ich dann endlich entspannt nach Hause fahren. Eigentlich plante ich noch einen Abstecher auf den Hügel um vielleicht diesmal einen schönen Sonnenuntergang (ohne Wolken vor der Nase) zu erleben – aber es kommt immer anders als man denkt.

Als ich meinen Scooter für einen Zwischenstopp vor dem B&B parkte, kam mir der Inhaber entgegen und meinte, ich sollte hereinkommen, sein Freund Alen ist hier, er sei Englisch-Lehrer (In Taiwan freuen sich die Leute immer wahnsinnig wenn sie die Möglichkeit haben mit Ausländern Englisch zu sprechen.). Wir unterhielten uns und hatten alle einen gemütlichen Abend bei Tee und tollen Gesprächen. Alen lud mich dann zum Abendessen in einem nahegelegenen Restaurant ein, und ich muss sagen… das waren wirklich die wohl besten Gerichte die ich in Taiwan bislang gegessen habe: Nudeln mit Rindfleisch, eine Hühner-Pilz-Suppe, Flussshrimps (wie er sie nannte), und dann noch ein riesiger Fisch dessen Namen niemand auf Englisch wusste. Egal, richtig gut war er jedenfalls!

Alan war sehr großzügig und ich war mir bewusst, dass das in Taiwan einfach kulturbedingt so ist… Man bezahlt als Gast nicht, man darf Geschenke annehmen und man erfährt einfach eine Gastfreundschaft die ihresgleichen sucht.

Er meinte er sei so froh Englisch sprechen zu können, das sei sehr selten, denn in seinem Wohnort gibt es nicht so viele Englischlehrer und wenn, dann ist ihr Englisch auf seinem Niveau und er lernt nichts dazu (ich bezweifle jedoch dass mein Englisch um so viel besser ist, aber solange es jemandem hilft wenn wir uns unterhalten, bitte… :D)

Zurück beim B&B genossen wir noch eine teure Flasche Wein aus Pappbechern, zusammen mit dem Inhaber und einem Mädchen das ebenfalls hier übernachtete, schauten uns alte Fotos an und lauschten den spannenden Geschichten die hinter ihnen steckten.

Alen bot mit im Laufe des Abends an, mich am nächsten Tag zum Sonne-Mond-See zu fahren und mich dort herumzuführen. Die Alarmglocken schrillten, und ich winkte dankend ab. Ich sprach später noch mit dem Mädchen aus Hongkong, sie meinte er käme ihr sehr ehrlich vor und sie würde das Angebot annehmen – was ich nach langer Überlegung schlussendlich auch tat. Ich gab meinen Freunden Bescheid und hielt sie am Laufenden wo ich gerade war, stellte Fragen deren Antwort man nur schwer spontan/glaubhaft erfinden konnte (um zu testen ob er ehrlich war), und Alen gab mir nie ein unangenehmes Gefühl, stellte keine seltsamen Fragen und wirkte sehr vertrauenserweckend.

Also fuhr ich ihm am nächsten Tag zu seiner Wohnung nach, stellte meinen Scooter dort ab und wir machten uns auf den Weg. In Taiwan werden Gäste und neue Freunde immer wahnsinnig gut behandelt, ich kannte diverse Geschichten von Freunden die beim Couchsurfen auch gleich zum Abendessen eingeladen wurden und deren Gastgeschenke dankend abgelehnt wurden – die Menschen hier haben einfach eine andere Auffassung von Gastfreundschaft, der Gast benötigt hier kein Geld, er soll die besten Erinnerungen bekommen und die Zeit hier nie vergessen. Und so fühlte ich mich auch an diesem Tag… ich wurde nicht nur den ganzen Tag verköstigt, sondern bekam auch Geschenke wie Tee und traditionellen Wein, ich konnte Chinesisch üben und so viel fragen wie ich wollte und lernte somit wahnsinnig viel über Kultur, Menschen und Sprache, und zu guter Letzt lernte ich den Touristenmagnet „Sonne-Mond-See“ aus der Sicht eines Einheimischen kennen… besser geht es wirklich nicht. Zurück in Chiayi (dort ließ ich meinen Scooter zurück) packte ich mein Zeug auf den Roller und machte mich zur Abfahrt bereit – ich sollte mich melden sobald ich gut zu Hause angekommen bin – wird gemacht! Außerdem wiederholte er nochmals „Wenn du irgendetwas brauchst, zögere nicht mich anzurufen!“ – und auf dieses Angebot sollte ich noch zurückkommen…schneller als mir lieb war.

In Taiwan muss man natürlich, wie überall anders auch, wachsam sein und mit gesundem Menschenverstand agieren. Ich würde niemanden empfehlen, solche Angebote blind anzunehmen. Ich bin natürlich ein gewisses Risiko eingegangen, aber selbst im Nachhinein war das die absolut richtige Entscheidung.

Nach ca. 1,5 Stunden Fahrt, kurz vor Tainan (und immer noch eine gute Stunde von Kaohsiung entfernt) hatte ich (bei 80km/h, auf einer Geraden) einen Reifenplatzer. Mir ist nichts passiert, ich habe den Scooter gut abgefangen und bin nicht gestürzt.. aber nun stand ich da, inmitten von Feldern, kurz vor Einbruch der Dunkelheit. Ich kontaktierte sofort meinen Scooterhändler, der mir leider auch nicht sonderlich weiterhelfen konnte: Alle Scootershops in der Nähe hatten zu (weil es eben Sonntag war), und der heiße Tipp lautete: Ein Taxi nehmen, heimfahren, am nächsten Tag wieder hinfahren. Naja, dass das Taxi für 45 Kilometer in eine Richtung mein Budget um Welten sprengen würde, leuchtete ihnen nicht ein. Naja, dann versuchte ich ein paar Fahrer anzuhalten, aber leider konnte mir auch so niemand helfen. Schließlich kam eine Frau auf ihrem Scooter vorbei, redete auch Chinesisch auf mich ein, und schlussendlich half sie mir den Scooter auf einen sichereren Platz zu schieben, dann verschwand sie. Ich rief also Alen an. Ich war sehr aufgewühlt und konnte nicht klar denken, und hoffte er könnte mir eine logische Lösung anbieten. Er bat mich, ihm meine aktuelle Position zu schicken, er mache sich auf den Weg. Wow, das hatte ich nicht erwartet.

Also wartete ich, als plötzlich ein Pärchen am Scooter vorbeikam und stehenblieb. Sie sprachen Englisch, boten Hilfe an, wählten ein paar Nummer und versuchten jemanden zu finden, der den Reifen tauschen kann. Wenige Minuten später kam ein Mann vorbei, gefolgt von einem weiteren Scooter auf dem eine Frau und ihre Tochter saßen. Die Tochter, Ting Ting, war 17 Jahre jung und sprach exzellentes Englisch. Sie meinte, ob ich 40 Minuten warten könnte, sie würden mit den Reifen tauschen, aber es würde ein wenig dauern, währenddessen könne ich mich in ihrem Haus ausruhen. Ich konnte kaum glauben was mir gerade passierte… Ich rief Alen an, der wollte mit den Leuten sprechen. Er hielt sie ebenfalls für aufrichtig, ich könne das Angebot annehmen und solle mir keine Sorgen machen. Er kehrte an diesem Punkt um und sagte ich solle ihm am Laufenden halten. Okay, ich hatte ja nichts mehr zu verlieren und die Leute waren wirklich sehr herzlich, also nahm ich dankend an. Wir fuhren dann noch zum nahegelegenen 7-11 weil Ting Tings Mama wollte dass ich was esse, weil die Heimfahrt ja noch so lange dauern würde. Ich war wirklich überwältigt. Ich entschuldigte mich auch kurz um Geld vom Bankomaten zu holen aber wurde von Ting Ting sofort ausgebremst – ich müsste nichts bezahlen, ihr Papa bezahlt für mich. Ich winkte ab, soweit kommt’s noch! Aber sie nahmen einfach kein Geld an… ich schenkte ihnen dann eine Packung Tee, welche ich ebenfalls nur mit Müh und Not anbringen konnte. Ich wollte einfach irgendwie meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, und sie machten es mir wirklich nicht einfach das in die Tat umzusetzen. Das Telefon läutete, Ting Tings Vater hob ab. Sie übersetzte: „Hat dir vorhin eine Frau geholfen, den Scooter zu schieben? Sie hat sich gerade erkundigt, ob es dir gut geht!“ – muss man dazu noch viel sagen?

Um 21 Uhr war dann mein Scooter fertig, neuer Reifen, startklar für die Heimreise. Wir knipsten noch schnell ein gemeinsames Foto und freundeten uns auf Facebook an, und dann ging es für mich endlich nach Hause.

Ich konnte es wirklich kaum glauben, dass ich so ein Glück hatte. Angefangen beim Reifenplatzer und dass mir nichts passiert ist, über die Hilfsbereitschaft der Leute hier, bis hin zu dem Kennenlernen dieser wunderbaren Familie. Klar ist es wichtig, vorsichtig zu sein, aber genau so wichtig ist es manchmal auf, seinem Bauchgefühl zu vertrauen. Hätte ich diesen Ausflug mit Alen nicht gemacht, hätten wir vermutlich keine Kontaktdaten ausgetauscht und ich hätte absolut niemanden gehabt, den ich hätte kontaktieren können (der mir vor Ort auch helfen kann). Man stelle sich nur vor, mir wäre der Reifen in einer Kurve geplatzt… oder, nein, man stelle sich das besser nicht vor.

 

Eigentlich stand morgen der Start zu meiner Scooter-Taiwan-Tour am Programm… aber aktuell macht sich ein Taifun UND Monsunregen auf den Weg hierher, und ich werde morgen den aktuellen Wetterbericht studieren und spontan entscheiden, ob ich starte oder die Tour abkürze und später starte. Aktuell ist nämlich nur mehr die Ostküste offen, alles andere was ich sehen wollte habe ich bereits gesehen – obwohl ich z.B. in Taipei noch einige Plätze auf meiner Liste habe, denen ich einen einen weiteren Besuch abstatten würde. Aber mal schauen, Sicherheit geht vor.

 

 

 

 

 

#21 回顾

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#19 - 汤

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